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Kritik und Risiken 1

TM + Medizin

TM + Gesundheit

TM +Pädagogik

TM + Psychologie

TM + Soziologie

TM im Vergleich

Effektivität+Effizienz (1)

Effizienz (2): Meditationstiefe

Kritik und Risiken 1

Kritik und Risiken 2

Abstracts

TM-Literatur

Kritik und Risiken

Auf dem Boden der Tatsachen bleiben - Warnung vor Realitätsverlust und blindem Idealismus, Fanatismus und unkritischer Folgsamkeit bei Anhängern “spiritueller” Organisationen

7. Kritik und Risiken

Ideelle bis fanatisch übersteigerte Vorstellungen ersetzen nicht die Erfahrung. - Soziale Erwünschtheit bei Praktizierenden spiritueller  Techniken: Selbsttäuschung, impression-management und die Frage der Offenheit  für die Wahrnehmung des eigenen Befindens - am Beispiel Praktizierender der TM

Zusammenfassung

Eine Querschnittuntersuchung, die mit Unterstützung Maharishi Mahesh Yogis an  360 TM-Praktizierenden anlässlich eines großen Meditationskurses in Kössen 1971 durchgeführt wurde, weist auf ein Phänomen, das in ähnlicher Weise wohl für viele spirituellen Gemeinschaften typisch sein  dürfte. Die verbesserte Befindenseinschätzung war nur bei einem Teil der Meditierenden auf regelmäßige Praxis der Meditationstechnik zurückzuführen . Bei  168 (= 47 Prozent) der Probanden - den im  Antwortverhalten eher unkritisch-Verschlossenen -  fanden wir (Fehr, 2002 [1]) mit fortschreitender Meditationsdauer von einem bis zu über zehn Jahren Praxis mit wenigen Ausnahmen kaum bedeutende Verbesserungen in der Selbstbeschreibung. Diese Meditierenden beschrieben sich im wesentlichen im Laufe der Zeit als stets gleich positiv und machten damit sich selbst (Selbsttäuschung) und der Aussenwelt (impression-management) etwas vor.

Die andere Hälfte (192 Pbd. = 53%) der Gruppe - die im Antwortverhalten Offenen bis Selbstkritischen - zeigten  wesentlich weniger positive Selbsteinschätzungen in der Anfangszeit ihrer  Meditationspraxis. Dafür unterschieden sich ihre Werte je nach Meditationsdauer erheblich. Je länger sie meditiert hatten, desto positiver  fielen ihre Werte aus, der “Treppeneffekt”.

Knapp die Hälfte der Meditierenden unterlag also einer erhöhten Tendenz zu Selbsttäuschung und impression-management (“Eindruck machen”) in der Einschätzung ihres Befindens. Diesen Meditierenden ist ein defensiver Persönlichkeitsstil zu eigen, für den Selbsttäuschung verbunden mit Abwendung der Aufmerksamkeit von selbstkonzeptbedrohlichen Informationen und Reduzierung des Realitätskontaktes (durch Leugnung, Verdrängung, Idealisierung etc.) eine grundlegende Bewältigungsstrategie darstellt. Bei diesen Meditierenden besteht aufgrund verstärkter Realitätsvermeidung die Gefahr der Flucht in eine Scheinwelt und der sozialen Isolierung.

Wir entwickelten daher den Ansatz einer wissenschaftsbasierten sachlichen Vermittlung der Transzendentalen Meditation. Wir konnten zeigen (Fehr, 2003) dass die Effektivität der Meditation durch Förderung einer selbstkritisch-offenen Haltung während des Erlernens der Meditation und in ihrer weiteren Betreuung gefördert werden konnte.

Nach: Fehr, T. (2002) Die modifizierende Wirkung sozialer Erwünschtheit in der  psychologischen Selbstbeschreibung Praktizierender spiritueller Techniken am Beispiel der Transzendentalen Meditation. Report Psychologie, 27(1), 22-31)


Ausführliche Darstellung der Ergebnisse und ihrer Interpretation:

Bei 47% der Probanden einer Querschnittuntersuchung an 360 Praktizierenden der Transzendentalen Meditation mit  dem Freiburger Persönlichkeitsinventar FPI wurde eine signifikant verringerte Offenheit gefunden.  Die dissimulierenden Meditierenden dieser Studie beschrieben sich zwar überwiegend positiv, hatten aber nur wenig nennenswerte Effekte aufzuweisen, die mit der Meditationsdauer in Zusammenhang standen.

Bei dieser Gruppe dissimulierender Meditierender konnten in allen Skalen mit Ausnahme „Extraversion“ zwar  durchgängig signifikant positivere Selbsteinschätzungen verglichen mit den „Offenen“ festgestellt werden. Es ließen sich jedoch bei ihnen nur wenige bessere Werte der Langzeitmeditierenden gegenüber den Kurzzeitmeditierenden nachweisen, was in Bezug auf die Meditationsdauer zu erwarten gewesen wäre, wenn von dieser eine mit der Zeit der Meditation zunehmende  Wirkung ausgeht. So gibt es einen signifikanten Unterschied zwischen  FPI-Werten der 1-2;11 Jahre und der über 3 Jahre Meditierenden in Nervosität, Gelassenheit und Maskulinität, dagegen gibt es unerwarteter Weise keinen bedeutsamen Unterschied in Nervosität zwischen Meditationsanfängern oder mäßig Fortgeschrittenen und Langzeitmeditierenden. Bedeutende Unterschiede zwischen Meditationsanfängern und Langzeitmeditierenden sind nur in zwei Skalen - Gelassenheit und Maskulinität  (Robustheit) - festzustellen. Insgesamt wirken die positiven Selbstbeschreibungen  übertrieben. Die positiven Werte bleiben insgesamt trotz unterschiedlicher Meditationsdauer relativ  konstant und unverändert. Insofern stellt sich die Frage, inwiefern es sich hierbei  überhaupt um  Meditationseffekte handelt, von denen ja zu erwarten ist, dass sie mit der  Dauer der Meditation (im Laufe der Jahre) zu deutlich besseren Werte führen.

Bei der anderen Gruppe von 53% offenen bis selbstkritischen Meditierenden zeigten die Langzeitmeditierenden im Vergleich zu den Kurzzeitmeditierenden signifikant günstigere Werte in acht Skalen des FPI: Nervosität, Depressivität, Erregbarkeit, Geselligkeit, Gelassenheit, Gehemmtheit, Neurotizismus und Maskulinität.  Die Ausgangswerte der offenen TM-Praktizierenden zu Beginn der Meditationszeit waren jedoch wesentlich weniger positiv verglichen mit denjenigen der 47% dissimulierenden Probanden.

 

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Verschiedene Gruppenkontraste mit unterschiedlichem Ausgangsniveau der Werte in FPI Offenheit -  überdurchschnittlich, durchschnittlich, unterdurchschnittlich - machten den Einfluß der sozialen Erwünschtheit  (Selbsttäuschung und impression management) bei Meditierenden deutlich.  Ein überraschend hoher Prozentsatz von 47% der Praktizierenden der Transzendentalen Meditation - die im Rahmen der  von der TM-Bewegung angebotenen Programme die Meditation erlernen - unterliegen in der Selbsteinschätzung einer starken Neigung, ihre Befindensbeschreibung den erwünschten Normen der Meditationsgemeinschaft anzugleichen - ihr “Mäntelchen nach dem Winde zu hängen”. Dies führt zu einer falschen Einschätzung des eigenen Befindens und zu einer fast vollständigen Abkoppelung der Beschreibung von der tatsächlichen eigenen Erfahrung im Zusammenhang mit der Meditationspraxis.

Als Vorbedingung erfolgreicher Meditation ergibt sich damit eine hinreichend offene bis selbstkritische Einstellung,  die bei einem Erlernen der Meditation im Rahmen der von der TM-Bewegung angebotenen Programme nur bei etwa  53% der Meditierenden gegeben ist. Bei den restlichen 47% Praktizierender sind expansive und überwertige kognitive  Gedankengebäude unter anderem Ausdruck von Selbsttäuschung und impression management infolge teilweise erheblicher Wahrnehmungsverzerrungen im Realitätsbezug. Berücksichtigt man zusätzlich die durchgängigen  Tiefstwerte TM-Praktizierender in der Skala “Dominanzstreben”, also die betont tolerante, gemäßigte Einstellung der  meisten TM-Praktizierenden, so läßt sich sagen, dass etwa der Hälfte der Praktizierenden der Transzendentalen Meditation in der TM-Bewegung ein defensiver Persönlichkeitsstil zu eigen ist, für den Selbsttäuschung verbunden mit Aufmerksamkeitsabwendung von selbstkonzeptbedrohlicher Information eine grundlegende Bewältigungsstrategie (Pauls, 2000) darstellt. Es handelt sich also um eine ähnliche Vermeidungs-/Verdrängungsstrategie wie sie aus der der Psychotherapie bekannt ist.

Es stellt sich angesichts dieser Erfahrungen die Frage, wie die Art der Vermittlung von Meditation denn günstiger  Weise beschaffen sein sollte, um die tatsächlich erreichten Meditationseffekte nicht von vorneherein in einer mangelnd  offenen und kritischen Selbsteinschätzung  - also durch impression management, Beschönigung und Selbsttäuschung  - untergehen zu lassen. Hier fällt die starke programmatische und ideologische Ausrichtung vieler TM-Anhänger und vor allem TM-Lehrer der TM-Organisation -  stellvertretend für andere ähnliche Gemeinschaften - in heutiger Zeit auf, die im Grunde gar nichts mit der eigentlich  vertretenen Lehre des Advaita Vedanta von Shankara zu tun hat, die eine beispielhaft tolerante Philosophie darstellt.

Ursprünglich erstrebte Ziele wurden im persönlichen Erleben vieler Meditierender der TM-Organisation nicht wie erhofft verwirklicht. Dies bringt möglicherweise viele spirituell Praktizierende in Gefahr oder Versuchung, zur Verringerung der kognitiven Dissonanz zwischen hohem ideellen Anspruch, propagierten und angestrebten Zielen einerseits und der deutlich davon verschiedenen eigenen Erfahrungsrealität andererseits sich auf die proklamierten kognitive Konzepte zu fixieren, sich an ihnen festzuklammern. Dabei wird zugleich die Ebene der eigenen persönlichen Meditations-  und Lebenserfahrungen, die persönliche und soziale Realität, die mitunter in einigem bis hin zu krassem Gegensatz zu  den verkündeten Visionen und Konzepten steht, verlassen, übersehen oder negiert. Es kommt bei einem erheblichen Prozentsatz der Praktizierenden zu einer Verzerrung der Realitätswahrnehmung bis hin zu partiellem Realitätsverlust  bezüglich der eigenen realen Lebenssituation: „Abheben“, „Abgehobenheit“. Auch in der TM-Bewegung werden - wie  in anderen spirituellen Bewegungen auch - teilweise überwertige Begriffe und überzogene kognitive Konzepte kultiviert. Es wäre  daher nicht korrekt, dies Phänomen einer kompensatorisch übersteigerten fixierten ideologischen Überzeugung als  “TM-typisch” zu kennzeichnen, denn es findet sich in analoger Form in praktisch jeder Glaubens- oder Wertegemeinschaft.

Im Falle der TM und anderer Meditationsgemeinschaften kann dies Ausdruck sein einer für die Meditationspraxis des  einzelnen selbst eher ungünstigen Tendenz reduzierter Realitätsorientierung und Realitätsprüfung - verkopfte  überdimensionierte Ideen, expansive Kognitionen konkurrieren mit der Aufrichtigkeit gegenüber der eigenen meist  bescheideneren Erfahrung und den persönlichen Lebensumständen, welche solch überdimensioniertes Ideengut nur selten adäquat repräsentieren oder glaubhaft in die Öffentlichkeit transportieren und vermitteln können.

 Die Eckpunkte dieser „Gefahrenbereiche“ werden in solchen Gemeinschaften meist markiert durch

    - die Tendenz zur Fixierung auf überwertige und expansive kognitive Lehrsysteme und Gedankengebäude (anstelle Erfahrungsorientierung)

     - die Tendenz zur Selbsttäuschung und impression-management, was die Meditationswirkung im persönlichen Leben anbetrifft, mit anderen Worten der Tendenz zur Realitätsverlust / Realitätsleugnung.

Wir konnten zeigen (Fehr, 2003) dass es möglich ist, Transzendentale Meditation (TM) ohne Minderung der Effektivität und ohne Einbuße des Realitätsbezuges in einer wissenschaftsbasierten sachlichen Form zu vermitteln.

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